Dhammapada

Das Kapitel über die Priester - Brahma

 

 

Durchkreuz’ den Strom mit voller Macht,

Laß’, Priester, fahr’n die Sinnlichkeit.

Hast du der Dinge Schwund erkannt,

Dann kennst das Unentstand’ne du.


 

 

 

Sobald auf zwei Gebietern da

Der Heil’ge hat das Ziel erreicht,

So fallen alle Fesseln ab

Von ihm, dem Klarerkennenden

 

 

 



Wem Diesseits sowie Jenseits schwand,

Wem alles beides nicht mehr gilt,

Der unbedrängt ist, losgelöst,

Das nenne einen Priester ich.

 

 

 

Wer dasitzt fleckenlos, vertieft,

Das Werk gewirkt hat, triebversiegt,

Zum höchsten Ziele hingelangt,

Den nenne einen Priester ich.

 

 

 

Bei Tag die Sonne hell erstrahlt,

Zur Nachtzeit aber scheint der Mond,

Im Waffenschmuck der Krieger strahlt,

Es strahlt der Priester selbstvertieft.

Doch allezeit, bei Tag wie Nacht,

In seinem Glanz der Buddha strahlt.

 



Brahmane ist, wer’s Böse brach,

Samane, wer die Sanftmut lebt.

Entsager aber wird genannt,

Wer eig’nem Schmutz entsaget hat.

 

 

 

Nicht schlage einer den Brahmanen,

Und nicht fahr’ dieser jenen an.

Pfui dem, der den Brahmanen schlägt!

Pfui dem Brahmanen, der ihn anfährt.

 

 

 

Dies dem Brahmanen nicht geringer Vorteil bringt,

Wenn von Erwünschtem er den Geist zurückhält;

Wobei auch dieser Geist des Wehtuns schwindet,

Dort wahrlich kommt das ganze Leid zur Ruhe.

 

 

 

Wer immer da, in Wort, in Tat,

Im Geiste, nichts mehr Böses wirkt,

In diesen Dingen drei beherrscht,

Den nenne einen Priester ich.

 

 



Durch den du das Gesetz erfuhrst,

Das der Erleuchtete gelehrt,

Den mögst in Demut du verehr’n

Wie’s Feueropfer der Brahmanen.

 

 

 

Nicht machen Flechten, nicht Geschlecht,

Auch nicht Geburt zum Priester dich.

In wem Gesetz und Wahrheit lebt,

Der gilt als Priester, gilt als rein.

 

 

 

Was nützt dir, Tor, das Haargeflecht,

Was nützt dir dieses Kleid aus Fell?

Im Innern wuchert dir Gestrüpp,

Und bloß dein Äuß’res striegelst du.


 

 

 

Der Mann der Fetzenkleidung trägt,

Gar hager ist, adernbedeckt,

Im Walde einsam weilt, vertieft,

Den nenne einen Priester ich.

 

 

 

Brahmanen nenne ich einen nicht,

Weil er dem Mutterleib entsproß.

„Hm, Kamerad!“ so sagt er wohl,

Wenn ihm auch anhängt allerlei.

Wem, frei vom Haften, nichts hängt an,

Nur der mir als Brahmane gilt.

 

 

Wer jede Fessel hat zerstört

Und niemals mehr erbeben kann,

Vom Haften und vom Fesseln frei,

Den nenne einen Priester ich. 

 

 



Der Band und Fessel hat zertrennt

Und das Geflecht der reihe nach,

Den Buddha, der den Riegel hob,

Den nenne einen Priester ich.

 

 

 

Wer Schmähung, Schläger, Fesselung

Ohn’ jeden Groll geduldig trägt,

Den Duldsamstarken kampfgestählt,

Den nenne einen Priester ich.

 

 



Wer ohne Zorn, der Übung treu,

Voll Sittlichkeit, von Flecken frei,

Bezähmt, den letzten Körper trägt,

Den nenne einen Priester ich.

 

 

 

 



Wie Wasser an dem Lotusblatt,

Wie Senfkorn auf dem spitzen Pfriem:

Wenn Sinnlichkeit nicht mehr befleckt,

Den nenne einen Priester ich.
 

 

 



Wer schon bei seinen Lebzeiten

Des eignen Leidens Ende schaut,

Der Bürde ledig, losgelöst,

Den nenne einen Priester ich.

 

 

 

Wer, wissenstief und einsichtsvoll,

Mit Weg und Abweg wohl vertraut,

Das höchste Ziel errungen hat,

Den nenne einen Priester ich.

 

 

 

Wer da mit beiden nicht verkehrt,

Mit Hausleuten und Hauslosen,

Und hauslos wandert, ohne Wunsch,

Den nenne einen Priester ich.

 

 



Der gegen Wesen, schwach wie stark,

Die Grausamkeit hat abgelegt,

Der weder schlägt, noch schlagen läßt,

Den nenne einen Priester ich.

 

 

 

Wer streitlos ist bei Streitenden

Und friedvoll bei Bewaffneten,

Vom Haften frei bei Haftenden,

Den nenne einen Priester ich.
 

 

 

 

 

Von dem die Gier ist abgeworfen,

Der Dünkel, Haß, Anschwärzerei,

Wie’s Senfkorn von dem spitzen Pfriem,

Den nenne einen Priester ich.

 

 

 

Wer ohne Härte Worte spricht,

Die wahr sind, die belehrend sind,

Durch die er niemanden verletzt,

Den nenne einen Priester ich.

 

 

 



Wer etwas, sei es lang’, sei’s kurz,

Sei’s fein, grob, unschön oder schön,

Nicht, ungegeben, an sich nimmt,

Den nenne einen Priester ich.

 



Der kein Verlangen mehr erfüllt

Nach dieser oder jener Welt,

Der wunschlos ist und losgelöst,

Den nenne einen Priester ich.

 

 

 



Wer da kein Haften mehr besitzt,

Erkannt hat, frei von Schwanken ist,

Ins Todlos ist eingetaucht,

Den nenne einen Priester ich

 



Wer gut wie Böse überwand

Und allem Haften ist entflohn,

Von Leid frei, fleckenlos und rein,

Den nenne einen Priester ich.
 

 

 

 



Der klar ist, rein und unbefleckt

Gleichwie der ungetrübte Mond,

In dem die Daseinslust erslosch,

Den nenne einen Priester ich.
 

 



Wer diesem Irrweg, diesem Sumpf

Der Wandelwelt, der Blindheit Wahn

Entrann, das andre Ufer fand,

Vertieft, von Gier und Zweifel frei,

An nichts mehr hängt, völlig erlöst,

Den nenne einen Priester ich.

 

 

Wer aller Sinnlichkeit entrückt,

Als Hausloser zieht seines Wegs,

Von Sinnlichkeit und Dasein frei,

Den nenne einen Priester ich.

 

 

 

Wer dem Begehrenstrieb entrückt,

Als Hausloser zieht seines Wegs,

Von Sinnlichkeit und Dasein frei,

Den nenne einen Priester ich.
 

 





Wer Menschenfesseln fahren ließ,

Die Himmelsfessel überwand,

Von allen Fesseln losgelöst,

Den nenne einen Priester ich.

 

 

 

Wer Lust und Unlust überwand,

Verglüht ist und vom Haften frei,

Den Helden, der die Welt bezwang,

Den nenne einen Priester ich.

 

 

 

 

Der klar erkennt, wie alle Wesen

Verschwinden und von neu’m ersteh’n,

Den Buddha, haftlos, unversehrt,

Den nenne einen Priester ich.

 

 





Dem, dessen Fährte keiner kennt,

Ganz gleich, ob Gott, Geist oder Mensch,

Den Triebversiegten, Heiligen,

Den nenne einen Priester ich.

 




Der vorher, nachher, mittendurch

Nichts mehr sein Eigen nennen mag,

Der nichts besitzt, an nichts mehr hängt,

Den nenne einen Priester ich.
 

 





Den höchsten, hehresten Helden,

Den hohen Weisen, sieggekrönt,

Den lautern Buddha, wunscherlöst,

Den nenne einen Priester ich.
 

 

 

Wer da sein früh’res Dasein schaut,

Den Himmel und den Abweg kennt,

Zum Daseinsende ist gelangt,

Im Wissen die Vollendung fand,

Den Weisen, Allvollendeten,

Den nenne einen Priester ich.

 

 

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