Dhammapada

Das Kapitel über das Begehren - Tanha

 

 

Im Menschen, der in Lässigkeit dahin lebt,

Wächst das Begehren an lianengleich,

Und wie im Wald der früchtegier’ge Affe

Eilt er vom Sein zu immer neuem Sein.
 

 

 

Wer diese nied’re Lust bezwingt,

Die fest sich klammert an die Welt,

In solchem wuchert Sorge hoch

Grad’ wie das regenfeuchte Gras.


 

 

 

Wer diese nied’re Lust bezwingt,

So schwer besiegbar in der Welt,

Von dem fällt alle Sorge ab

Wie Wassertropf’ vom Lotusblatt.

 

 

 

Zu eurem Heile sag’ ich’s euch,

Die ihr allhier versammelt seid:

Reißt aus die Wurzel der Begier,

Wie’s Gras, dess’ Wurzel man begehrt!

Mög’, wie der Strom das Röhricht knickt,

Der Mahr euch nicht vernichten stets!

 

 

 

Wie selbst der abgehau’ne Baum von neuem sproßt,

Solang’ die Wurzel unbeschädigt ist und stark,

Genauso steigt dies Leiden immer wieder auf,

Solang’ der Giertrieb noch nicht ausgerottet ist.

 

 



In wen die sechsunddreißig Ströme,

Die mächt’gen, lieblich strömen ein,

Solch Irren reißen fort die Wogen

Der Wünsche, die auf Gier beruh’n.

 

 

 

Die Ströme stömen allwärts hin;

Empor sich die Liane rankt.

Habt diese ihr entstehen seh’n,

Reißt weise ihr die Wurzel aus.

 

 

 

Dem Menschen kommen freudige Gefühle,

Forttreibende und lustbehaftete.

Die Lust geneigt, nach Freuden suchend,

Eilt immer er zu Alter und Geburt.

 

 

Die Menschheit, von dem Durste hingerissen,

Umherkriecht wie ein Hase in der Falle.

Durch Fesseln und durch Haften festgehalten,

Verfällt sie langem Leiden immer wieder.

 

 

 

 

Die Menschheit, von dem Durste hingerissen,

Umherkriecht wie ein Hase in der Falle.

Darum vertreibe das Begehren

Der Mönch, auf eigene Erlösung hoffend.

 

 

 

Wer, frei vom Dickicht, hold dem Dickicht ist,

Vom Dickicht frei zum Dickicht wieder eilt,

Solch einen Menschen seht euch einmal an:

Befreit eilt in die Bande er zurück.

 

 

 

Nicht gilt den Weisen die als feste Fessel,

Der hergestellt aus Gras, Holz oder Eisen.

Der gierentbrannte Wunsch nach edlen Steinen,

Nach Ringen, wie nach Kindern und auch nach Frauen:

 

 

 

Die Gierentbrannten in den Strom sich stürzen,

Wie Spinne hineilt in das selbst gewob’ne Netz.

Durchkreuzend diesen Strom die Weisen zieh’n,

Die, wunschlos, alles Leiden überwandern.

 

 

 

Laß’ los vom Früh’ren, los vom Spät’ren;

Von dem auch, was dazwischenliegt, laß’ los.

Weltüberwindend, allwärts geisterlöst,

Verfällst du Alter und Geburt nicht mehr.
 

 

 

 

Im Menschen, der gequält wird von Gedanken,

Erfüllt von heft’ger Gier das Schöne sucht,

In dem nimmt das Begehren ständig zu;

Und eine feste Fessel schafft er sich.

 

 



Wer an Gedankenruhe sich erfreut,

Das Bild des Ekels weckt, stets klar bewußt,

Der wird die Fesseln Mahrs vernichten,

Der wird die Fesseln Mahrs völlig zerstör’n.
 

 

 

 

Wer’s Ziel gewann, nicht mehr erbebt,

Frei von Begier ist, unbefleckt,

Der bricht des Daseins Stacheln ab;

Und dieses ist sein letzter Leib.

 

 



Wer frei von Gier und Haften ist,

Mit Wort und Sprache wohl vertraut,

Den Wortzusammenhang versteh’nd,

Was früher und was später kommt,

Und seinen letzten Körper trägt,

Der gilt als hoher Wissenswart.

 

 

 

Allüberwinder bin ich, Allerkenner,

Von keinem Dinge mehr werd’ ich befleckt,

Ließ alles fahr’n, erlöst in Gierversiegung,

Hab’ selbst erkannt, wen sollt’ ich Lehrer nennen?

 

 

 

Alle Gaben übertrifft die Warheitsgabe,

Die Genüsse alle der Genuß der Wahrheit,

Alle Wonne überwältigt Wahrheitswonne,

Gierversiegung überwältigt alles Leid.

 

 

 

 

Der Reichtum bringt den Toren um,

Nicht den, der’s andre Ufer sucht.

Durch Durst nach Schätzen bringt der Tor

Sich um, als sei ein Fremder er.

 

 

 

Das Gras ist ein Verderb für’s Feld,

Für diese Menschheit ist’s die Gier.

Was drum den Gierlosen man gibt,

Solch’ Gabe bringet hohen Lohn.

 

 

 

 

Das Gras ist ein Verderb für’s Feld,

Für diese Menschheit ist’s der Haß.

Was drum den Haßlosen man gibt,

Solch’ Gabe bringet hohen Lohn.

 

 

 

Das Gras ist ein Verderb für’s Feld,

Für diese Menschheit ist’s der Wahn.

Was drum den Wahnlosen man gibt,

Solch’ Gabe bringet hohen Lohn.

 

 

 

 

 

Das Gras ist ein Verderb für’s Feld,

Für diese Menschheit ist’s der Wunsch.

Was drum den Wunschlosen man gibt,

Solch’ Gabe bringet hohen Lohn.

 

 

 

 

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