Das
Kapitel über das Begehren -
Tanha

Im Menschen, der in
Lässigkeit dahin lebt,
Wächst das Begehren an
lianengleich,
Und wie im Wald der
früchtegier’ge Affe
Eilt er vom Sein zu immer
neuem Sein.

Wer diese nied’re Lust
bezwingt,
Die fest sich klammert an
die Welt,
In solchem wuchert Sorge
hoch
Grad’ wie das regenfeuchte
Gras.

Wer diese nied’re Lust
bezwingt,
So schwer besiegbar in der
Welt,
Von dem fällt alle Sorge ab
Wie Wassertropf’ vom
Lotusblatt.

Zu eurem Heile sag’ ich’s
euch,
Die ihr allhier versammelt
seid:
Reißt aus die Wurzel der
Begier,
Wie’s Gras, dess’ Wurzel man
begehrt!
Mög’, wie der Strom das
Röhricht knickt,
Der Mahr euch nicht
vernichten stets!

Wie selbst der abgehau’ne
Baum von neuem sproßt,
Solang’ die Wurzel
unbeschädigt ist und stark,
Genauso steigt dies Leiden
immer wieder auf,
Solang’ der Giertrieb noch
nicht ausgerottet ist.

In wen die sechsunddreißig
Ströme,
Die mächt’gen, lieblich
strömen ein,
Solch Irren reißen fort die
Wogen
Der Wünsche, die auf Gier
beruh’n.

Die Ströme stömen allwärts
hin;
Empor sich die Liane rankt.
Habt diese ihr entstehen
seh’n,
Reißt weise ihr die Wurzel
aus.

Dem Menschen kommen freudige
Gefühle,
Forttreibende und
lustbehaftete.
Die Lust geneigt, nach
Freuden suchend,
Eilt immer er zu Alter und
Geburt.

Die Menschheit, von dem
Durste hingerissen,
Umherkriecht wie ein Hase in
der Falle.
Durch Fesseln und durch
Haften festgehalten,
Verfällt sie langem Leiden
immer wieder.

Die Menschheit, von dem
Durste hingerissen,
Umherkriecht wie ein Hase in
der Falle.
Darum vertreibe das Begehren
Der Mönch, auf eigene
Erlösung hoffend.

Wer, frei vom Dickicht, hold
dem Dickicht ist,
Vom Dickicht frei zum
Dickicht wieder eilt,
Solch einen Menschen seht
euch einmal an:
Befreit eilt in die Bande er
zurück.

Nicht gilt den Weisen die
als feste Fessel,
Der hergestellt aus Gras,
Holz oder Eisen.
Der gierentbrannte Wunsch
nach edlen Steinen,
Nach Ringen, wie nach
Kindern und auch nach
Frauen:

Die Gierentbrannten in den
Strom sich stürzen,
Wie Spinne hineilt in das
selbst gewob’ne Netz.
Durchkreuzend diesen Strom
die Weisen zieh’n,
Die, wunschlos, alles Leiden
überwandern.

Laß’ los vom Früh’ren, los
vom Spät’ren;
Von dem auch, was
dazwischenliegt, laß’ los.
Weltüberwindend, allwärts
geisterlöst,
Verfällst du Alter und
Geburt nicht mehr.

Im Menschen, der gequält
wird von Gedanken,
Erfüllt von heft’ger Gier
das Schöne sucht,
In dem nimmt das Begehren
ständig zu;
Und eine feste Fessel
schafft er sich.
Wer an Gedankenruhe sich
erfreut,
Das Bild des Ekels weckt,
stets klar bewußt,
Der wird die Fesseln Mahrs
vernichten,
Der wird die Fesseln Mahrs
völlig zerstör’n.

Wer’s Ziel gewann, nicht
mehr erbebt,
Frei von Begier ist,
unbefleckt,
Der bricht des Daseins
Stacheln ab;
Und dieses ist sein letzter
Leib.

Wer frei von Gier und
Haften ist,
Mit Wort und Sprache
wohl vertraut,
Den Wortzusammenhang
versteh’nd,
Was früher und was
später kommt,
Und seinen letzten
Körper trägt,
Der gilt als hoher
Wissenswart.

Allüberwinder bin ich,
Allerkenner,
Von keinem Dinge mehr werd’
ich befleckt,
Ließ alles fahr’n, erlöst in
Gierversiegung,
Hab’ selbst erkannt, wen
sollt’ ich Lehrer nennen?

Alle Gaben übertrifft die
Warheitsgabe,
Die Genüsse alle der Genuß
der Wahrheit,
Alle Wonne überwältigt
Wahrheitswonne,
Gierversiegung überwältigt
alles Leid.

Der Reichtum bringt den
Toren um,
Nicht den, der’s andre Ufer
sucht.
Durch Durst nach Schätzen
bringt der Tor
Sich um, als sei ein Fremder
er.

Das Gras ist ein Verderb
für’s Feld,
Für diese Menschheit ist’s
die Gier.
Was drum den Gierlosen man
gibt,
Solch’ Gabe bringet hohen
Lohn.

Das Gras ist ein Verderb
für’s Feld,
Für diese Menschheit ist’s
der Haß.
Was drum den Haßlosen man
gibt,
Solch’ Gabe bringet hohen
Lohn.

Das Gras ist ein Verderb
für’s Feld,
Für diese Menschheit ist’s
der Wahn.
Was drum den Wahnlosen man
gibt,
Solch’ Gabe bringet hohen
Lohn.

Das Gras ist ein Verderb
für’s Feld,
Für diese Menschheit ist’s
der Wunsch.
Was drum den Wunschlosen man
gibt,
Solch’ Gabe bringet hohen
Lohn.
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